Psychotherapeutische Notfallversorgung traumatisierte Opfer von Straftaten in der Forensische Ambulanz Baden
Mit Schreiben vom 2. März 2009 hat sich die Opferschutzkoordinatorin des Polizeipräsidium Karlsruhe, Frau Stärk (KHK), in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Beirats der Forensischen Ambulanz Baden (FAB) an den Vorsitzenden der Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW) e.V. gewandt und um Prüfung der Möglichkeit der Einrichtung einer Anlaufstelle für von Trauma betroffene Opfer von Straftaten in der FAB gebeten.
Das Schreiben hat folgenden Inhalt:
„Sehr geehrter Herr Böhm,
über die unmittelbare polizeiliche Unterstützung hinaus bedürfen Opfer je nach Problemlage, psychischer Verfassung und individueller Betroffenheit häufig weiterer Hilfe und langfristiger Betreuung. Neben dem angemessenen Umgang ist deshalb – soweit im Einzelfall erforderlich – eine frühzeitige und bedarfsorientiert Vermittlung der Opfer an externe Hilfs- und Beratungseinrichtungen anzustreben.
Die gezielte Vermittlung professioneller Hilfsangebote für traumatisierte Verbrechensopfer kann wesentlich dazu beitragen, dass Opfer die Folgen von Straftaten besser verarbeiten und posttraumatische Belastungsstörungen vermieden bzw. minimiert werden. Hinzu kommt, dass Opfer dann bei Polizei und vor Gericht als stabilere Zeugen auftreten. Eine enge Zusammenarbeit mit den örtlichen Beratungs- und Hilfseinrichtungen ist daher von besonderer Bedeutung.
Eine Zusammenstellung der im Stadt- und Landkreis Karlsruhe ansässigen Beratungs- und Hilfseinrichtungen ist daher von besonderer Bedeutung und wurde von mir vor mehr als 7 Jahren erstellt und wird ständig aktualisiert.
Diese Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen, wie z.B der „Weiße Ring“, Wildwasser und Frauen-Notruf, AllerleiRau, Notfallseelsorge, Arbeitskreis Leben u.v.m. dienen mitunter als kurzzeitige Anlaufstelle, bzw. dienen als Begleitung in kritischen Situationen und Notlagen.
Vor ungefähr 6 Jahren wurde das Ehrenamtsprojekt „Opfereinsatz auch im Ruhestand“ ins Leben gerufen. Mittlerweile haben sich 25 PolizeipensionärInnen bereit erklärt, Opfern pragmatisch zu helfen. Sie stehen für Gespräche zur Verfügung, helfen beim Ausfüllen von Anträgen, begleiten Opfer zu Behörden u.v.m. Eine Opfereinrichtung, die immer wieder gerne von Opfern, gleich welcher Straftat, dankbar angenommen wird. Sie kann keinesfalls als Therapie angesehen werden.
All diese o.g. Organisationen vermögen es jedoch nicht, eine psychologische Erstversorgung bei Trauma auffälligen Opfern von Straftaten und im Anschluss daran eine Traumatherapie fortzusetzen. Für das Polizeipräsidium arbeitet jedoch seit ca. 3 Jahren ehrenamtlich eine Psychotherapeutin, erfahren in Traumatherapie, mit. Diese Therapeutin leistet zeitweise ehrenamtlich in 2 bis 3 Sitzungen akute therapeutische Ersthilfe.
In einigen Fällen engagiert sich eine Mitarbeiterin beim PP Karlsruhe ebenfalls in der akuten psychischen Betreuung von Traumaopfern. Diese Mitarbeiterin ist jedoch keine ausgebildete Psychotherapeutin, sie dient der Polizei Karlsruhe oftmals als einzige Anlaufstelle, sich schnellst möglichst, also zeitnah, eines Traumaopfers anzunehmen. Dies deshalb, weil die Kollegen eine weitere Verantwortung für das Opfer nicht übernehmen können, bzw. keine geeignete Hilfseinrichtung finden, die zuständig wäre.Aufgrund des nunmehr seit 2 Jahren existierenden Straftatbestands der Nachstellung, § 238 StGB, melden sich immer mehr Personen beim Opferschutz, die aufgrund ihres schlechten psychischen Zustands als Stalkingopfer dringend erfahrenen Therapeuten zugeführt werden sollten. Erfahrungsgemäß zeigt sich, dass Stalkingopfer erst dann bei der Polizei Anzeige erstatten, wenn der Leidensdruck zu hoch und somit ihre psychische Verfassung als katastrophal erscheint.
Als Opferschutzkoordinatorin des PP Karlsruhe muss ich feststellen, dass „Opferschutz“ seit einigen Jahren bei Hilfsorganisationen ein Thema ist, dessen sich durchaus sehr viele professionelle aber auch ehrenamtlich Engagierte annehmen und bei bestimmten Straftaten tätig werden. Ein Mangel jedoch zeigt sich an Traumaexperten, die Traumapatienten zeitnah nach einer Straftat therapieren können.
Eine Anlaufstelle für von Trauma betroffenen Opfern von Straftaten wäre für das PP Karlsruhe, insbesondere aber auch für die Stadt Karlsruhe, eine dringende Notwendigkeit, die man den Mitbürgern, die aufgrund einer Straftat von einer Sekunde zur nächsten aus ihrer gewohnten Bahn geworfen wurden, schuldig ist.
Mit freundlichem Gruß
Ulla Stärk
Opferschutzkoordinatorin beim PP Karlsruhe“
Nach Beratungen im Beirat hat die Leitung der Forensische Ambulanz Baden am 24.03.2009 die in Karlsruhe und Umgebung ansässigen mit der Betreuung von Opfern von Straftaten befassten sozialen Einrichtungen zu einer näheren Erörterung der von Polizei vorgeschlagenen Einrichtung einer ambulanten psychotherapeutischen Notfallversorgung traumatisierter Opfer von Straftaten auf den 7. April 2009 in die Forensische Ambulanz Baden eingeladen.
Bei der Veranstaltung anwesend waren insgesamt 15 VertreterInnen folgender Einrichtungen:
- Frauenberatungsstelle Akademiestraße in Karlsruhe
- Ehe, Familien und Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe
- Frauenberatungsstelle Kriegstraße Karlsruhe
- Weißer Ring e.V. Karlsruhe
- Arbeitskreis Leben - AKL -
- AllerleiRauh
- Wildwasser
- Brücke Karlsruhe
- Polizei Karlsruhe
- Sozial- und Jugendbehörde Karlsruhe
- Landratsamt Karlsruhe - Amt für Versorgung Rehabilation
Nach einer Einführung und einer kurzen Vorstellungsrunde der Anwesenden wurde von diesen der erhebliche Bedarf an einer Einrichtung zur ambulanten Notfallversorgung von traumatisierten Opfern im Einzugsbereich von Karlsruhe einvernehmlich festgestellt. Danach wird eine solche Versorgung lediglich in beschränkten Umfang im Bereich der sexuellen Gewalt vor allem gegenüber Frauen unter 27 Jahren von „Wildwasser“ und "AllerleiRauh“ angeboten.
Außerdem arbeitet "AllerleiRauh" auf der Basis des Kinder- und Jugendhilfegesetzes als Einrichtung für Mädchen und Jungen und oder jungen Erwachsenen beiderlei Geschlechts bis 27 Jahre und deren Bezugsumfeld, die entweder Opfer durch sexuelle Gewalt geworden sind oder bei denen eine Vermutung besteht, daß sie Opfer geworden sein könnten. Auch Eltern, die als Kind Opfer geworden sind und sich dadurch bei der Erziehung der eigenen Kinder beeinträchtigt fühlen, können sich an unsere Beratungsstelle wenden.
Auch die Fachberatungsstelle Wildwasser & Frauen-Notruf bietet die Unterstützung und Beratung für Mädchen und Frauen jeden Alters an, also nicht ausschließlich der Personengruppe, die im KJHG erfasst ist.
Ein Angebot zur Akutversorgung traumatisierter Opfer von Gewaltsstraften besteht danach in Karlsruhe nicht. Schließlich könnten nach den Erfahrungen der Beratungsstellen traumatisierte Opfer von Gewaltstraftaten auch bei niedergelassenen Psychotherapeuten aufgrund bestehender Wartezeiten jedenfalls keine kurzfristige Hilfe erfahren.
Aufgrund des festgestellten erheblichen Bedarfs hat sich die Leitung der Forensischen Ambulnaz baden dazu enstclossen, ab 1.1.2010 ein fächendeckendes Angebot zur Akutversorgung traumatiisetere Opfer vor allem von Gewaltstraften einzurichten, welches wir bislang schon in Karlsruhe, Offenburg und Freiburg anbieten können.
Hierzu biten wir zunächst im Amtsgericht Karlsruhe jeden Mittwoch von 9.00 Uhr bis 10.00 Uhr
eine regelmäßige Opfersprechstunde an (siehe aktuelle Mitteilung).
Die Anmeldung hierfür ist über unser Opfertelefon unter 0721 925 5041 sowie unter Handy 0173 510 71 71 durchgehedne möglich.
Aktuelle Mitteilung
Wir bedauern, dass die Akutversorgung traumatisierter Opfer von Gewalt- und Sexualstrafaten auch aus organisatorischen Gründen voraussichtlich bis zum 1.10.2011 ausgesetzt werden muss.